{"id":10976,"date":"2016-11-28T20:55:36","date_gmt":"2016-11-28T20:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/nina-roth.de\/?p=10976"},"modified":"2016-11-28T20:55:36","modified_gmt":"2016-11-28T20:55:36","slug":"der-sprung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nina-roth.de\/?p=10976","title":{"rendered":"Der Sprung"},"content":{"rendered":"<p>Hatte ich vorher schon so eine Ahnung, dass in diesem zweiten Teil der risflecting-Weiterbildung etwas Wichtiges f\u00fcr mich pers\u00f6nlich geschehen w\u00fcrde. Das Gef\u00fchl im Bauch, dass etwas Entscheidendes auf mich zukommt, nahm die Tage vorher zu. Als ich in der Mail mit den Dingen, was mitzubringen sei, das Wort \u201eOutdoorbekleidung\u201c las<!--more-->, wurde das Gef\u00fchl intensiv. Es brachte mich alleine beim Lesen in die Gefahrenzone. Ja richtig, ich galt als unsportlich und der Schulsport war ein Desaster, welches ich \u00fcberwiegend durch meine Abwesenheit bew\u00e4ltigt habe. Erst sp\u00e4ter habe ich entdeckt, dass \u201eunsportlich\u201c ein ganz unbrauchbares Wort ist. Jeder ist sportlich, es kommt auf das wie an. So habe ich beispielsweise entdeckt, dass ich ohne Training fast einen Kilometer am St\u00fcck Brustschwimmen kann, solange ich dabei nicht mit dem Kopf unter Wasser tauchen muss und einfach \u201evor mich hin schwimme\u201c. Oder dass ich im Nordic walking eine gute Ausdauer habe und es mir Spa\u00df macht, in diesen gleichm\u00e4\u00dfigen Bewegungen in der Monotonie abzuschalten und durch die Gegend zu spazieren. Das geschieht dann haupts\u00e4chlich in den Comfortzone. Andere T\u00e4tigkeiten wie beispielsweise joggen, l\u00f6sen direkt ein intensives Unwohlsein in mir aus. Hier ist es mir unangenehm, wenn ich die Au\u00dfenwelt so verwackelt sehe; das stresst mich. Ich bin also gleich in der Gefahrenzone und breche ab. Von sportlichen Bewegungsabl\u00e4ufen ganz zu schweigen. Ich kann mir viele Bewegungen ansehen, sie aber nicht auf mich \u00fcbertragen. Meine Hochsensibilit\u00e4t l\u00f6sen direkt so viele Emotionen und Gedanken aus, dass es mich blockiert. Dazu verwechsle ich permanent links und rechts und andere Gegens\u00e4tze, dass ich beispielsweise bei Aerobic ebenso schnell in Stress gerate, wenn zu viele Anweisungen gerufen werden, die ich in dieser Geschwindigkeit nicht umsetzen kann.<br \/>\nIch fahre also nach Paretz und lasse es auf mich zukommen. F\u00fchle mich wohl und entspannt, als Martin (Parcours- und Yogalehrer) am zweiten Tag die Anleitung unserer Gruppe \u00fcbernimmt. Wir machen ein warm up, dass mich hier und da schon ziemlich anstrengt. Die S\u00e4tze meiner Kindheit werden in mir laut: \u201eWir sind keine sportliche Familie\u201c, \u201eNina, ach Sport brauchst du nicht k\u00f6nnen, das ist nicht wichtig\u201c, \u201edas kannst du nicht\u201c und \u201estell dich nicht so an\u201c. Ich gebe mir alle M\u00fche, die Stimmen wahrzunehmen und in Ruhe wegzuschicken. Denn ich bin neugierig, was Martin mir zeigen wird.<br \/>\nUnd dann machen wir eine \u00dcbung, wo wir auf allen Vieren \u00fcber das Gras laufen. Und mit einmal bin ich wieder Kind. Etwa sechs Jahre alt. Ich liebe das Gras auf der Wiese, zupfe gerne darin herum, der sch\u00f6ne Wiesengeruch.<br \/>\nWir \u00fcben mit Martin das Springen und es macht Spa\u00df. Ich traue mich, kein Weglaufgef\u00fchl. Er kommt zu mir und gibt mir konkrete Tipps, was ich noch besser machen kann. Und ja, es klappt. Ich freue mich, denn ich habe bisher nur sehr selten in Bewegungsabl\u00e4ufen etwas lernen k\u00f6nnen. Und jetzt geht das auf einmal so leicht. Ich komme in die Risikozone.<br \/>\nDann zeigt uns Martin eine \u00dcbung. Ich mache meinen Sprung so, wie ich mich wohlf\u00fchle, gehe an den Ausgangspunkt zur\u00fcck, mache einen kleinen Schritt nach hinten und versuche den Sprung erneut. Dabei darauf achten, was wir f\u00fchlen. Es ist sehr intensiv, wie sich mein Bauchgef\u00fchl \u00e4ndert, wenn ich den einen kleinen Schritt zur\u00fcck gehe, um den Sprung zu erweitern. Ich mache es einige male und mit einmal, als ich diesen kleinen Schritt zur\u00fcck gehe, kommt eine tief verwurzelte Angst in mir hoch. Ich kenne sie so gut, die Angst des sechsj\u00e4hrigen M\u00e4dchens. Ich bin in der Gefahrenzone. Ich habe Angst, f\u00fchle mich alleine. Mir kommen die Tr\u00e4nen, ich laufe weg. Ja, wie gut ich dieses Verhaltensmuster kenne. Ich finde mich in der Toilette wieder, mein Atem geht hastig, mein Herz klopft \u2013 Fluchtmodus. Was soll ich tun?<br \/>\nDa f\u00e4llt mir ein, dass Martin sagte, wir sollen Bescheid geben, wenn es uns nicht gut geht. Das habe ich so noch nicht geh\u00f6rt, als sechsj\u00e4hriges M\u00e4dchen schon gar nicht. Ich warte also die \u00dcbung der anderen ab und gehe dann zu Martin, sage ihm \u201emir geht es nicht gut\u201c. Er geht mit mir ums Haus und ich erz\u00e4hle ihm, was geschehen ist. Und ja, ich muss dabei l\u00e4cheln, denn er h\u00f6rt mir zu und nimmt mich ernst. Ich benenne meine Angst und auch, wie sch\u00f6n es ist, in diesem Moment aufgefangen zu werden. Martin macht mit mir eine Atem\u00fcbung und meine Fl\u00fcgel wachsen. Dankbarkeit. Ich beruhige mich und eine Freude macht sich in mir breit. Er sagt, dass ich gerne weiter versuchen kann, aber auch in jedem Moment pausieren oder abbrechen kann, wenn es zu viel wird. Das macht es mir leicht, ich darf mein eigenes Tempo bestimmen. Ziemlich \u00fcberw\u00e4ltigt von der Dichte der Extreme der Emotionen gehe ich wieder zur Gruppe. Meine kindliche Neugierde \u00fcberwiegt. Probiere ich doch so gerne Dinge aus. Ich sp\u00fcre hin und wieder diese Angst aufflackern, aber sie ist jetzt \u201e\u00fcbercodiert\u201c. Vielleicht erstmals erlebe ich eine passende Flugbegleitung und dass jemand da ist, wenn ich lande. Im \u201esportlichen\u201c Bereich. So kann ich weitermachen und gelange immer wieder spielerisch in die Risikozone und jederzeit in meine Comfortzone zur\u00fcck. Am Br\u00fcckengel\u00e4nder oder im steinigen Uferbereich.<br \/>\nDieser kleine Schritt nach hinten f\u00fcr die Sprungerweiterung \u2013 es waren einige Zentimeter \u2013 haben so viel ausgel\u00f6st und soviel bewirkt.<br \/>\nEine sehr sch\u00f6ne Erfahrung, der ich mit gr\u00f6\u00dfter Dankbarkeit begegne.<\/p>\n<p>Risflecting-Abschlussbericht, Teil 1, Juli 2016, Nina Roth<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hatte ich vorher schon so eine Ahnung, dass in diesem zweiten Teil der risflecting-Weiterbildung etwas Wichtiges f\u00fcr mich pers\u00f6nlich geschehen w\u00fcrde. Das Gef\u00fchl im Bauch, dass etwas Entscheidendes auf mich zukommt, nahm die Tage vorher zu. 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