{"id":1239,"date":"2013-05-01T11:40:36","date_gmt":"2013-05-01T11:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/nina-roth.de\/?p=1239"},"modified":"2013-05-01T11:46:45","modified_gmt":"2013-05-01T11:46:45","slug":"der-1-mai-nazifrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nina-roth.de\/?p=1239","title":{"rendered":"der 1. Mai nazifrei&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren besuchte sie ihre Studienfreundin f\u00fcr ein paar Tage in Berlin. Das Wetter war herrlich. Am 1. Mai verabredeten sie sich mit einem befreundeten italienischen P\u00e4rchen f\u00fcr eine Schifffahrt. <!--more-->Nach einem kurzen Spaziergang im Sonnenschein kamen sie an eine Anlegestelle. Sie h\u00e4tte sich wundern sollen, dass ein Krankenwagen vorfuhr und eine Person abtransportiert wurde. Aber sie dachte sich, dass man auf so einem Schiff schon mal seekrank werden oder die Treppe runter st\u00fcrzen kann.<br \/>\nSeltsam war, dass der Mann vom Personal, der den Einlass regelte, keine Hinweise gab. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung noch entspannt und sonnig. Sie bestiegen also das Schiff und es legte ab. Und dann wurde es dumpf.<br \/>\nSie wollten zun\u00e4chst an Deck, um die Sonne zu genie\u00dfen. Aber es war kaum m\u00f6glich, die Treppe hinauf zu steigen, weil das gesamte Gel\u00e4nde von Nazis und allen, die es werden wollen, besetzt war. Biergestank, Schwei\u00dfgestank, Aggressionsgestank und geb\u00fcndelte keine Ahnung &#8211; phantastisch, zwei Freundinnen und ein italienisches P\u00e4rchen mittendrin. Der kurze Blick auf das Deck zeigte ihr, warum der Krankenwagen gekommen war. Einige Blutlachen und viele Scherben erg\u00e4nzten den bei\u00dfenden Geruch. Die ersten unnetten Ausrufe lie\u00dfen nicht lange auf sich warten und sie entschieden, unter Deck einen Kaffee zu trinken. Das stellte sich allerdings als fatale Entscheidung raus, denn unter Deck waren nicht nur doppelt so viele Nazis und alle, die es werden wollen, sondern auch noch die, die von sich denken, hier die Wortf\u00fchrer zu sein &#8211; ohne Wortschatz und Satzbaukompetenz.<br \/>\nDie T\u00fcr hinter ihnen wurde dann auch gleich verstellt, so dass ihnen erst einmal nur blieb, an einem der wenigen freien Tische Platz zu nehmen. Selten hat sie so wenig Individualit\u00e4t versp\u00fcrt. Nicht nur, dass alle gleich angezogen waren und auch die gleichen harten Gesichtsausdr\u00fccke hatten &#8211; es waren auch wenig vielf\u00e4ltige Gedanken unterwegs &#8211; daf\u00fcr zwei Freundinnen und ein italienisches P\u00e4rchen.<br \/>\nIrgendwo musste doch auch die Schiffsbesatzung und das Personal sein. Ja, ein Mann kam dann auch unter Beschimpfungen der Nazis und allen, die es werden wollen an den Tisch. Sie fragte, was das f\u00fcr eine Veranstaltung sei, aber die Antwort war nur Schulterzucken.<br \/>\nIndessen wurde die Luft unter Deck immer schlechter, der Gestank immer st\u00e4rker. Die vermeintlichen Wortf\u00fchrer m\u00fcssen ja wenigstens Tatf\u00fchrer sein und kamen dann auch zu ihnen an den Tisch. W\u00e4hrend man vom Sonnendeck patriotisches Gegr\u00f6le h\u00f6rte, stellte sie sich die Frage, ob an der n\u00e4chsten Anlegestelle ein Krankenwagen f\u00fcr vier Personen kommen w\u00fcrde oder ob vier Krankenwagen f\u00fcr vier Personen ben\u00f6tigt werden w\u00fcrden.<br \/>\nBlickwechsel fanden statt. Es war nicht die Zeit der lauten \u00dcberlegungen.<br \/>\nEin \u00fcbergewichtiger Wortf\u00fchrer schnappte sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr. &#8222;Na, Sch\u00e4tzchen? Was sollen wir heute noch zusammen machen? Oder machen wir was gemeinsam mit der Schlampe neben dir und deinen Ausl\u00e4nderfreunden?&#8220; Als er seine Hand auf ihren Oberschenkel legte, meinte sie, dass diese Stelle an ihrem K\u00f6rper vereiste. Zumindest m\u00fcsste ein Abdruck zu sehen sein. War war schlimmer? Sein Schwei\u00dfgeruch, das Fett, die Aggression oder doch die eigene Angst? Sie sagte: &#8222;Danke, wir werden heute nichts zusammen machen, denn wir sind nicht miteinander verabredet.&#8220; Der Geruch, der aus seinem Mund kam, als er schnaufte, war widerlich.<br \/>\nMittlerweile hatten sich einige der anderen wie ein Kranz um ihren Tisch gruppiert. Schlie\u00dflich muss ja auch gesehen werden, wenn ein vermeintlicher Wortf\u00fchrer was tut.<br \/>\n&#8222;Dann wollen wir doch mal sehen, was wir mit diesem Ausl\u00e4nderp\u00e4rchen machen.&#8220; Der Satz war kaum beendet, da krachte ein Stuhl hinter ihr an die Wand und zerbrach. Gefolgt von einigen Bierdosen. Sie schaute hilfesuchend nach dem Personal, welches sich wie in einem Saloon vor der Schie\u00dferei hinter der Theke verschanzte und die K\u00f6pfe einzog. Die Luft wurde immer enger und enger, als ein Tisch umgeworfen wurde und zwei weitere St\u00fchle dabei zu Bruch gingen. Begleitet von derbem Gel\u00e4chter &#8211; Humor kann so unterschiedlich sein.<br \/>\nSie schloss die Augen und dachte wieder an die Krankenwagen.<br \/>\nDa h\u00f6rte sie Sirenensignale und Megafondurchsagen, die bei den Nazis und allen, die es werden wollen, ein Innehalten zur Folge hatte. Einige Fl\u00fcche, Tritte an St\u00fchle und die Wasserschutzpolizei kam herein. Eine Frau des Personals hatte richtig gehandelt und Hilfe geordert.<br \/>\nSchreiereien, mehr Schwei\u00dfgeruch, weitere M\u00f6belbruchst\u00fccke, aber keine weiteren Verletzten. Kurze Absprachen mit der Wasserschutzpolizei.<br \/>\nSie konnten von Bord gehen und ihren Spaziergang fortsetzen; fanden an diesem Tag aber kaum noch Worte. Die Sonne war k\u00fchl geworden. Es warteten weder ein noch vier Krankenwagen. Aber sie meinte noch tagelang, dass der widerliche Gestank an ihr haften w\u00fcrde &#8211; wie eine eklige Wolke.<br \/>\nWer hat diese Gruppe von Nazis und allen, die es werden wollen, an Bord gelassen? Wieso waren keine anderen G\u00e4ste da; waren die alle in Krankenwagen? Wieso wurde die Schifffahrt nicht fr\u00fcher beendet oder gar nicht erst angetreten? Welche Einstellung hatte der Kapit\u00e4n des Schiffes?<br \/>\nWie gut, dass wenigstens die Frau vom Gastropersonal in der Lage war, zu handeln&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren besuchte sie ihre Studienfreundin f\u00fcr ein paar Tage in Berlin. Das Wetter war herrlich. Am 1. 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