{"id":16759,"date":"2020-01-10T17:54:38","date_gmt":"2020-01-10T17:54:38","guid":{"rendered":"http:\/\/nina-roth.de\/?p=16759"},"modified":"2020-01-10T17:54:40","modified_gmt":"2020-01-10T17:54:40","slug":"dossier-die-situation-psychisch-kranker-kinder-in-der-stationaeren-versorgung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nina-roth.de\/?p=16759","title":{"rendered":"Dossier: Die Situation psychisch kranker Kinder in der station\u00e4ren Versorgung"},"content":{"rendered":"\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>von Mai bis Oktober 2019 befand sich meine Tochter aufgrund einer entwicklungsbedingten Pers\u00f6nlichkeitskrise in Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Frankfurt am Main; vier Wochen lang auf der Akutstation und nach einer Pause dann f\u00fcr 12 Wochen auf der DBT-Station.<br \/>Als ihre Mutter und Pr\u00e4ventionsfachfrau hinsichtlich der Entwicklung von Lebenskompetenzprogrammen und der Resilienzf\u00f6rderung habe ich in dieser Zeit einige unproduktive und ungesunde Sachverhalte erlebt, die ich im Folgenden darstelle.<br \/>Immer wieder habe ich die Kommunikation gesucht und nur sehr sp\u00e4rliche Ausk\u00fcnfte erhalten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>1. Sachverhalte in der Akutstation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist deutlich bewusst, dass eine Akutstation der Ort der Aufnahme in einer akuten Krise \u2013 und kein Ort der Therapie \u2013 ist. Mit eben dieser Annahme wurde meine Tochter im Rahmen einer Entwicklungskrise ihrer Pers\u00f6nlichkeit pr\u00e4ventiv aufgenommen, um unter Aufsicht mit einem Antidepressivum eingestellt werden zu k\u00f6nnen. Sie selbst hat zu diesem Schritt eingewilligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Plan des behandelnden Psychiaters sowie der behandelnden niedergelassenen Psychotherapeutin war, dass Luna auf der Akutstation aufgenommen wird und dann nach 2 bis 3 Tagen auf der regul\u00e4ren Station medikament\u00f6s eingestellt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Realit\u00e4t zeigte sich dann schnell anders, als mir im Aufnahmegespr\u00e4ch mitgeteilt wurde, dass Luna zwar nicht suizidal sei, aber sie so lange auf der Akutstation bleiben solle, bis die Krise bew\u00e4ltigt sei. Wenn ich geahnt h\u00e4tte, dass daraus ein vierw\u00f6chiger Aufenthalt werden sollte, h\u00e4tte ich nach aller M\u00f6glichkeit nach Alternativen gesucht.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde mit der Eindosierung des Antidepressivums begonnen und hier war ich schon froh, dass meine Tochter unter Aufsicht war, denn sie hat das Medikament nicht vertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das, was ich bis heute dazu rausfinden konnte, war eine massive Zunahme an Symptomen. Es traten Symptome auf, die bis dahin nicht bekannt waren wie die F\u00e4uste an der Wand aufschlagen, Halluzinationen von Leichen, dissoziative St\u00f6rungen mit Weggetreten sein \u00fcber Stunden hinweg. Gl\u00fccklicherweise hat meine Tochter das Medikament nur ein paar Tage bekommen und es wurde innerhalb von 2 Tagen dann abgesetzt.<br \/>Innerhalb dieser Zeit hatte sie eine \u201eBelastungserprobung\u201c \u00fcbers Wochenende. Ich wurde spontan vorher zu einem Gespr\u00e4ch gebeten, in dem ich informiert wurde, dass es Luna nicht so gut gehe und sie Aussetzer h\u00e4tte, was noch gekl\u00e4rt werden m\u00fcsse. Mir wurde erkl\u00e4rt, dass ich zwei gefrorene Orangen bereithalten solle und falls mit meiner Tochter etwas sei, ihr diese in die Hand geben solle. Dann k\u00e4me sie wieder zu sich und alles w\u00e4re ok. Ich habe in diesem Gespr\u00e4ch nachgefragt, ob es denn ratsam sei, an einer gr\u00f6\u00dferen Familienfeier eine Autostunde entfernt teilzunehmen und mir wurde zugesichert, dass ich alles ganz normal machen solle und es kein Problem darstelle.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich heute durch den finalen Arztbrief wei\u00df, hatte meine Tochter an dem Abend vorher oder einen weiteren Abend davor ein Wegtreten \u00fcber mehrere Stunden, was durchgehend \u00e4rztlich kontrolliert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>So habe ich mit Luna also den Besuch der Familienfeier angetreten, der sie \u00fcberhaupt nicht gewachsen war. Sie schloss sich in der Toilette ein, schlug mit den F\u00e4usten an die W\u00e4nde (Kn\u00f6chel wund geschlagen) und war dann weggetreten. So fand ich sie, indem ich gl\u00fccklicherweise \u00fcber die Trennwand der Toilette klettern und von innen die T\u00fcr \u00f6ffnen konnte. Die gefrorenen Orangen zeigten keinerlei Wirkung. Erst an einem ruhigen Ort kam sie nach 45 Min wieder zu sich.<br \/>Am n\u00e4chsten Tag war sie dann wieder f\u00fcr knapp eine Stunde weggetreten.<br \/>All diese Dinge habe ich der Akutstation zur\u00fcckgemeldet.<br \/>Wie ich bis heute nur durch meine Tochter wei\u00df, hat meine Tochter dann abends einen Saft zur Beruhigung erhalten \u2013 Pipamperol. Mir wurde das weder gesagt, noch hatte ich f\u00fcr zu Hause passende Anweisungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meines Erachtens nach h\u00e4tte meine Tochter an diesem Wochenende bei dem, was vorausgegangen war, auf jeden Fall zu Hause, wenn nicht sogar auf der Akutstation bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Absetzen des Antidepressivums wurden die Symptome dann langsam weniger. Mit einer neuen Diagnose \u201edissoziative St\u00f6rungen\u201c wurde Luna dann entlassen. Ich hatte noch ein Gespr\u00e4ch, in dem mir anhand einiger Arbeitsbl\u00e4tter erl\u00e4utert wurde, dass ein Leben mit dissoziativen St\u00f6rungen gut m\u00f6glich sei. Und auf meine Frage, wie wir denn nun damit umgehen sollen, dass meine Tochter st\u00e4ndig umkippt, kam die Antwort, dass soweit alles in Ordnung sei und sie ganz normal am Alltag teilnehmen k\u00f6nne. Nach einer krisenfreien \u00dcberbr\u00fcckungszeit von vier Wochen d\u00fcrfe sie dann auf der DBT-Station aufgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich keine Medizinerin, aber neben der Tatsache, dass mich diese neue, vorher nicht dagewesene Diagnose sehr geschockt hat, verstehe ich bis heute nicht, wie denn eine durchaus ernste Erkrankung diagnostiziert und gleichzeitig eine Entlassung ohne weitere Ma\u00dfnahmen in den Alltag vollzogen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank an dieser Stelle an die Ober\u00e4rztin, die ich bei der Entlassung auf dem Flur getroffen habe. Sie hat mir in unserem kurzen Gespr\u00e4ch den Sachverhalt so erl\u00e4utert, dass Luna auf Dauer den Aufenthalt auf der Akutstation (Traumatisierung der anderen, Schreie in der Nacht, Auftauchen der Polizei &#8230;) aufgrund ihrer hohen Empathie nicht verkraftet und es daher gut ist, wenn sie m\u00f6glichst umgehend wieder nach Hause kommt. Und dass auf jeden Fall auf der DBT-Station darauf geachtet werden solle, dass meiner Tochter das nicht wieder passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u00dcbergangsmedikation wurde Quetiapin eindosiert. In meiner Verzweiflung habe ich dem zun\u00e4chst zugestimmt, da ich zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen bin, dass dies notwendig sei. Dass das Medikament f\u00fcr Minderj\u00e4hrige nicht zugelassen ist, hat mir auf der Akutstation niemand gesagt.<br \/>Die \u00dcberbr\u00fcckungszeit h\u00e4tte meine Tochter ohne mein Veranlassen und der besonderen Initiative der niedergelassenen Therapeutin nicht geschafft.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. R\u00fcckmeldung an DBT-Station<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Folgende R\u00fcckmeldung habe ich schriftlich in der DBT-Station eingereicht. Interessant ist, dass die genannten Sachverhalte im finalen Arztbrief, den ich danach erhalten habe, teilweise anders dargestellt werden, was die H\u00e4ufigkeit des selbstverletzenden Verhaltens, der Unfall mit der Kniescheibe und die Fahndung durch die Polizei angeht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00fcckmeldung an DBT-Station:<\/strong><br \/>Vielen Dank, dass meine Tochter bei Ihnen die station\u00e4re Therapie durchf\u00fchren konnte.<br \/>Als mir die Akutstation Ihres Hauses dieses Therapiekonzept f\u00fcr meine Tochter unterbreitete, habe ich sofort zugestimmt. Es setzt nach M\u00f6glichkeit auf die Eigenverantwortung und auch auf die Auseinandersetzung mit den Emotionen \u2013 der eigenen sowie der anderen. Das hielt ich gut mit meiner Erziehung vereinbar.\u00a0<br \/>So hatte ich mir erhofft, dass Luna, wenn sie dieses Konzept drei Monate intensiv \u201edurchlebt\u201c, wieder zu ihrer Stabilit\u00e4t und Eigenst\u00e4ndigkeit, die sie bis Ende Mai 2019 hatte, zur\u00fcckfindet oder neu ordnet.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Sicherlich geben alle auf der DBT-Station ihr Bestes und das Miteinander aller Beteiligten auf dieser Station ist vermutlich t\u00e4glich eine gro\u00dfe Herausforderung. Umso bedauerlicher finde ich es, wenn gerade dort, wo ein achtsames Konzept die Grundlage des Handelns darstellen soll, die allt\u00e4gliche Umsetzung in meiner Wahrnehmung so anders aussieht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal schildere ich hier kurz die Ausgangssituation:\u00a0<br \/>Seit Geburt hat meine Tochter eine unauff\u00e4llige, positive Entwicklung mit hoher Selbst\u00e4ndigkeit und Eigenverantwortung.<br \/>Seit Oktober 2018 zeigt sie erste Anzeichen von selbstverletzendem Verhalten einhergehend mit Albtr\u00e4umen aus der fr\u00fchesten Kindheit. Deshalb nimmt sie die Jugendberatung bis Dezember 2018 in Anspruch.<br \/>Ab 2019 findet dann die ambulante Therapie statt mit folgender Ausgangssituation: Aufarbeitung fr\u00fchkindlicher unproduktiver Erfahrungen (innere Spannungen), Erlernen des Umgangs mit depressiven Verstimmungen (Hochsensibilit\u00e4t), Bearbeitung der Experimente mit Essen (versuchte Gef\u00fchlsregulation).<br \/>Durch einen Entwicklungsschub gekoppelt mit dem Verlust von Freunden und einemTrauerfall in der Familie kommt meine Tochter im April in eine Krise, die suizidale Gedanken ausl\u00f6st. Sie entscheidet sich pr\u00e4ventiv f\u00fcr die Aufnahme auf der Akutstation Ihres Hauses, weil sich ihre Problematiken und auch die m\u00f6gliche Suizidalit\u00e4t bei der Eindosierung der geplanten Medikation (zur Unterst\u00fctzung der ambulanten Therapie) verschlechtern k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was dann leider auch tats\u00e4chlich geschah. Die Selbstverletzungen nahmen deutlich zu, hinzukamen dissoziative St\u00f6rungen. Sie vertrug das angesetzte Medikament nicht und wurde umgehend wieder ausdosiert.\u00a0<br \/>Laut der Ober\u00e4rztin geh\u00f6rt Luna zu den Personen, die auf der Akutstation leider nur kurzfristig Besserung erfahren. L\u00e4ngerfristig kommen andere Symptome hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>So wird Luna dann mit einer \u00dcbergangsmedikation in die \u00dcberbr\u00fcckungszeit bis zur DBT-Therapie entlassen, in der sie sich bereits deutlich erholt. Mit dem Absetzen des unvertr\u00e4glichen Medikamentes verschwinden die dissoziativen St\u00f6rungen fast vollst\u00e4ndig. Sehr gute Begleitung erf\u00e4hrt Luna durch die ambulante Therapeutin.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt wurde Luna auf der DBT-Station aufgenommen. Voller Motivation, nun ihre pers\u00f6nlichen Probleme aufarbeiten zu k\u00f6nnen und erg\u00e4nzend in Trainings ihre bereits vorhandenen Skillsketten und ihr Selbstbewusstsein zu trainieren.<br \/>Doch einige Dinge standen diesem Vorhaben im Weg, die ich nun skizziere:<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Lunas Vorgeschichte (die war bekannt) wurde nicht eingegangen. Nach meinem Kenntnisstand wurde die ambulante Therapeutin nicht mit einbezogen.<br \/>Weder die pers\u00f6nlichen Voraussetzungen noch die konkret thematisierten \u00c4ngste oder der Tod in der Familie wurden thematisiert.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Am Ende des dritten Gespr\u00e4chs mit der Bezugstherapeutin (Halbzeit der Therapie) wurde ich gefragt, wie Luna denn in der Kindheit zurechtgekommen sei. Auf meinen Hinweis, dass bislang alles in Ordnung gewesen sei, erfolgt kein Kommentar.<br \/>Ebenfalls im dritten Bezugstherapeutengespr\u00e4ch (Halbzeit) wurden Luna und ich gefragt, ob wir etwas damit anfangen k\u00f6nnten, dass Luna eventuell feinf\u00fchlig sei. Die Hochsensibilit\u00e4t hatte ich sowohl in den Anamneseunterlagen als auch im Aufnahmegespr\u00e4ch deutlich und mit Priorit\u00e4t benannt. Als ich nochmals darauf hinweise, dass diese Thematik aufgrund meiner eigenen H\u00f6chstsensibilit\u00e4t seit Jahren bekannt sei, erhalte ich nun die Antwort: \u201eOh, dann hat sie das also von Ihnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich entschied, meine Zustimmung f\u00fcr die weitere Medikation mit einem Neuroleptikum zur\u00fcckzunehmen, schien nicht bekannt zu sein, dass dieses Medikament als \u00dcbergangsmedikation im Rahmen der DBT-Therapie \u00fcberpr\u00fcft und ggf. ausgeschlichen werden sollte \u2013 das war der Entlassungsstand von der Akutstation.<br \/>Stattdessen wurde die Dosis (trotz meines deutlichen Hinweises auf eine Tendenz zur \u00dcberempfindlichkeit auf Medikamente) zweimal \u2013 also insgesamt auf die doppelte Tagesdosis \u2013 ohne R\u00fccksprache mit mir erh\u00f6ht und zwar ohne Informationen an mich, dass sich Lunas Gesundheitszustand ver\u00e4nderte bzw. verschlechterte. Die im vorl\u00e4ufigen Arztbrief zu lesende Toleranzbildung ist f\u00fcr mich ein Zeichen erster Gew\u00f6hnung des K\u00f6rpers und daher als Information bzgl. einer m\u00f6glichen eintretenden Medikamentenabh\u00e4ngigkeit besonders wichtig.<br \/>Auf meinen Hinweis und der damit verbundenen Bitte der R\u00fcckdosierung erhalte ich von der nun gewechselten Bezugstherapeutin die Aussage: \u201eAber wir sind doch gerade in der Behandlung.\u201c Offenbar scheint das Absetzen von Medikamenten kein Bestandteil einer therapeutischen Behandlung zu sein.<br \/>Erst meine schriftliche Zustimmungsr\u00fccknahme f\u00fchrt zu einem guten Gespr\u00e4ch und einer ersten R\u00fcckdosierung kurz vor Beendigung der station\u00e4ren Therapie. Im Entlassungsgespr\u00e4ch erfahre ich, dass das Ausschleichen der zust\u00e4ndige Psychiater \u00fcbernehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meine Nachfrage im ersten Bezgustherapeutengespr\u00e4ch (nach drei Wochen), wie ich denn zu Hause mit Scheren etc. umgehen solle, erhielt ich die Information von der Bezugstherapeutin, dass Luna mit Rasierklingen konfrontiert werden solle. Es sei ja Ziel, dass sie mit Rasierklingen umgehen k\u00f6nne. Sie habe eine Rasierklinge auf ihrem Stationszimmer, die zur freien Verf\u00fcgung stehe. Ich \u00e4u\u00dferte meine Bedenken, weil Luna zu diesem Zeitpunkt keine \u00dcbung im Umgang mit Rasierklingen hatte. Da wurde Luna direkt von der Therapeutin gefragt, ob das f\u00fcr sie ok sei mit der Rasierklinge auf dem Zimmer, und sie bejahte. Das ist alles.<br \/>Mal davon abgesehen, dass dies gegen die Stationsregeln verst\u00f6\u00dft, verletzte sie sich mit dieser Klinge zwei Tage sp\u00e4ter so intensiv wie nie zuvor (Nacht von Freitag auf Samstag). Sie hatte vorher zwei Monate lang keinen freien Zugriff auf Rasierklingen und zu diesem Zeitpunkt, seit der Eskalation auf der Akutstation, noch keinen Umgang damit \u00fcben k\u00f6nnen. Als Luna mir die Verletzung am Samstag zeigte und wir zur Notaufnahme fuhren, war es f\u00fcr die notwendige Erstversorgung leider zu sp\u00e4t. Im Elternordner, den Luna an diesem Samstag dabeihatte, vermerkte das DBT-Team entgegen der Aussagen der Therapeutin, dass Luna nur auf Nachfrage eine Rasierklinge ausgeh\u00e4ndigt bekommen solle. Doch das war leider ebenfalls zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigenverantwortung (wieder) \u00fcbernehmen lernen, meint meines Erachtens nach nicht, den anderen in fragliche Situationen zu schubsen, sondern in Begleitung achtsam auszuloten, wie weit diese aktuell reicht. So habe ich jedenfalls Ihr Therapiekonzept verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Elterngruppe erhielt ich auf Nachfrage die Info, dass bei ab 15-J\u00e4hrigen Selbstverletzungen unter die Schweigepflicht fallen. Auf meinen Hinweis, dass meine Tochter erst 14 Jahre alt sei und ich keine Infos dazu bek\u00e4me, erhielt ich keine konkrete Antwort. Sicher ist ein Vertrauensverh\u00e4ltnis in der Klinik wichtig. Allerdings bitte ich Sie, den Umgang mit der Schweigepflicht in dieser Sache noch einmal zu \u00fcberdenken und ebenso rechtlich zu pr\u00fcfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit mir meine Tochter es berichtete und es mir erkennbar ist, gab es bisher zwei Bereiche, in denen ihre Selbstverletzungen deutlich st\u00e4rker waren: Akutstation und DBT-Station. Ich finde es sehr schade, dass dazu keine Kommunikation mit mir als rechtlich verantwortlicher Person seitens der DBT-Station stattfand. Somit wurde eine Beobachtung der Symptomentwicklung verschleiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Praxis in der Krisenintervention, wenn bekannt wird, dass sich ein Jugendlicher suizidiert hat, halte ich f\u00fcr mehr als fragw\u00fcrdig.\u00a0<br \/>Gerade in solch einer akuten Krisensituation, die diese Info ausl\u00f6sen kann, halte ich es f\u00fcr mehr als notwendig, ausreichend Hilfestellungen zu geben und Schutz zu bieten. Ihre Praxis, zun\u00e4chst den Jugendlichen die Info zu geben, dann das regul\u00e4re Programm auszusetzen, nur bei Bedarf Gespr\u00e4che anzubieten und sie dann alleine in den Ausgang zu schicken, habe ich zweimal miterleben d\u00fcrfen \u2013 und sehe ich nicht als krisennotwendigen Schutz an.\u00a0<br \/>Warum ist es Ihnen nicht m\u00f6glich, die Eltern direkt zu informieren? Ein 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen in dieser Situation \u00fcber Stunden sich selbst zu \u00fcberlassen, finde ich verantwortungslos. Als Mutter werde ich erst angerufen, wenn ich meine Tochter bei der Polizei zur Fahndung ausschreiben lassen darf, weil sie nicht vom Ausgang zur\u00fcckgekommen ist.\u00a0<br \/>Das entsprechende Telefonat beginnt mit: \u201eHallo Frau Roth. Ist Ihre Tochter vielleicht bei Ihnen? Sie hat heute die Info erhalten, dass sich jemand suizidiert hat und ist jetzt nicht vom Ausgang zur\u00fcck. Sie m\u00fcssen sie jetzt bei der Polizei zur Fahndung ausschreiben lassen. Gemeldet haben wir es schon.\u201c F\u00fcr Sie mag so etwas Alltag darstellen, f\u00fcr meine Tochter sowie auch f\u00fcr mich ist es alles andere als das. Und wo darf ich hier die Achtsamkeit und Wertsch\u00e4tzung mir gegen\u00fcber entdecken?<br \/>Auf meine Nachfrage, wie es denn sein kann, dass Luna ohne meine Kenntnis alleine in den Ausgang geschickt wurde, erhalte ich die Aussage: \u201eF\u00fcr uns auf der Station war das heute halt ein schwieriger Tag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Rolle als Sorgeberechtigte war mir w\u00e4hrend der gesamten Dauer unklar und ist es jetzt noch. Offenkundig werde ich von meiner gewohnten Rolle als verantwortungsvoll handelnde Mutter in die Schiene geschoben, erst bei Bedarf reagieren zu k\u00f6nnen. Des Weiteren sind mir die Kriterien nicht deutlich, nach denen das erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder erhalte ich spontane Anrufe mit unterschiedlichen \u201eAnweisungen\u201c. So beispielsweise: Luna \u201ew\u00fcnsche\u201c sich eine Auszeit und sei gleich auf dem Weg nach Hause. Auf meinen Hinweis, dass ich berufst\u00e4tig und am Arbeiten sei, wird mit Erstaunen reagiert. Meine Nachfrage, ob wir die Auszeit nicht f\u00fcr einen Tag sp\u00e4ter planen k\u00f6nnten, wird verneint. Es sei alles schon veranlasst. Und so muss Luna leider den \u201eAuszeittag\u201c alleine zu Hause verbringen. Mit Selbstverletzung und desolater Stimmung. Der Sinn einer Auszeit d\u00fcrfte wohl ein anderer sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Luna befand sich (am Freitagvorabend) auf dem Heimweg, weil sie krank war, aber mit der Bahn fahren konnte sie. Auf meine Nachfrage, was sie denn habe, wird erst einmal l\u00e4nger nachgeschaut \u2013 \u201egrippaler Infekt\u201c. Medikamente brauche sie keine. Als Luna kam, war sie zwar m\u00fcde, aber ich konnte nicht einmal eine Erk\u00e4ltung feststellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Lunas Kniescheibe rausgesprungen war, musste ich spontan pers\u00f6nlich mein Behandlungs-Einverst\u00e4ndnis geben. Ich war gerade beruflich mit der Bahn Richtung Frankfurt unterwegs und fuhr direkt zur Uniklinik. Dort wurde ich mit den Worten empfangen: \u201eAch, Sie sind jetzt nicht mit dem Auto da? Luna muss ja zum R\u00f6ntgen. Dann m\u00fcssen wir wohl mal schauen, wie das mit einem Fahrdienst aussieht.\u201c\u00a0<br \/>Vorbereitet war nichts und es wurde offenkundig davon ausgegangen, dass ich Luna, die nicht auftreten konnte (Diagnose zu dem Zeitpunkt ja unklar), alleine mit meinem Privat-PKW zu einer anderen Station der Uniklinik bringen sollte. Luna musste insgesamt 4 Stunden behelfsm\u00e4\u00dfig auf einem fahrbaren B\u00fcrostuhl warten, weil es f\u00fcr sie keinen Rollstuhl gab. Erst auf mich, dann wir beide gemeinsam auf dem Flur vor der DBT-Station. Ohne Essen und Trinken. Denn das gibt es nur auf der Station.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hautarztbehandlung ging stattdessen auch ohne mein pers\u00f6nliches Erscheinen, Luna wurde sogar eine Cortisonsalbe ohne meine Zustimmung verschrieben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u201eBelastungserprobung\u201c f\u00fcr das Wochenende daheim ist in meinen Augen schlicht eine Katastrophe. F\u00fcr alle Beteiligten. Wenn tats\u00e4chlich eine Belastung erprobt werden soll, muss ich als Verantwortliche zum einen die Belastung kennen (denn ein zu Hause an sich ist nicht zwangsl\u00e4ufig eine Belastung) und zum anderen entsprechend darauf vorbereitet werden.<br \/>Am Anschluss an die Belastungserprobung durfte ich n\u00e4mlich ein Feedback geben. Ob meine Tochter geduscht hat, soll ich beantworten \u2013 erhalte von der DBT-Station aber keine Hinweise auf ihren Gesundheitszustand. Wie ist das mit der Eigenverantwortung gemeint?<br \/>Hier schlage ich vor, dass die DBT-Station jeweils f\u00fcr das Wochenende einen standardisierten R\u00fcckmeldebogen f\u00fcr die Verantwortlichen zu Hause mitgibt. So haben auch die Eltern stets Informationen \u00fcber die wichtigsten Entwicklungsverl\u00e4ufe. Das geht auch mit Schweigepflicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich sehr wundert, ist die Tatsache, wie inflation\u00e4r mit der Vergabe von Diagnosen, vor allem in Gegenwart meiner 14-j\u00e4hrigen Tochter, umgegangen wird. Mir wurde nicht einmal bei der Aufnahme von Luna auf die DBT-Station gesagt, dass noch einmal eine eigene Diagnostik durchgef\u00fchrt und dann am Ende der Therapie bekanntgegeben wird. Das entzieht sich meiner Logik, aber warum wird erst behandelt und dann diagnostiziert?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ging meine Tochter bis Ende Mai noch davon aus, in einer menschlichen Krise zu stecken, die sie gut bew\u00e4ltigen wird, so hat sie jetzt ein Bild von sich mit mindestens sechs verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen. Und die stets wechselnd.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Haben Sie sich jemals die Frage gestellt, was solche Aussagen mit einem Menschen, insbesondere einem Heranwachsenden machen? Mit Menschen, die sich in einer pers\u00f6nlichen Krise befinden und ihr Selbstwert eh schon in die Ferien gefahren ist? Jetzt sind sie nicht nur nichts wert, sondern auch noch mehrfach hochgradig krank.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie sich auch die Frage gestellt, wie leicht die Tests \u2013 gerade von Jugendlichen \u2013 zu manipulieren sind? Wer mit so vielen Krankheitsbildern konfrontiert wird, kennt alle Diagnosekriterien und manche Frageb\u00f6gen er\u00f6ffnen ein Eldorado von m\u00f6glichen \u00c4ngsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicherlich hat meine Tochter experimentelles Essverhalten, ja, risikoreich und zeitweise wom\u00f6glich auch gefahrenvoll. Aber wenn ich im Gespr\u00e4ch mit der Bezugstherapeutin nach der H\u00e4lfte der Therapiezeit gesagt bekomme, dass bei Luna kein au\u00dfergew\u00f6hnliches Essverhalten zu beobachten sei, was auch durch die DBT-Betreuer*innen best\u00e4tigt werde, und ich dann im Entlassungsgespr\u00e4ch gemeinsam mit Luna zu h\u00f6ren bekomme: \u201eAlso wegen des Essens haben wir dann jetzt die klassische Bulimie vergeben\u201c, halte ich das ebenfalls f\u00fcr verantwortungslos.<br \/>F\u00fcr s\u00e4mtliche Hinweise und Beobachtungen bin ich Ihnen sicherlich dankbar, aber dieser diagnostische Aktionismus bei einer 14-J\u00e4hrigen mutet einer Etikettierung bis hin zur Diskriminierung an und macht leider krank \u2013 und eben nicht gesund.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das beschreibt passend mein Hauptanliegen. Ich bin davon ausgegangen, dass es eine gemeinsame Zielsetzung ist, dass meine Tochter ihre Krise durchlebt, nach aller M\u00f6glichkeit gut bew\u00e4ltigt und so gesund wie m\u00f6glich heimkommt \u2013 und stattdessen wird sie kranker \u201egemacht\u201c als vorher.<\/p>\n\n\n\n<p>In allen Gespr\u00e4chen, bei denen ich anwesend war (bis auf das Entlassungsgespr\u00e4ch), ob Einzel- oder Gruppengespr\u00e4ch, fiel immer seitens der DBT-Station der Satz \u201edaf\u00fcr haben wir jetzt heute keine Zeit\u201c. Die Elterngruppengespr\u00e4che, an denen ich teilgenommen hatte, wichen stets von der angek\u00fcndigten Thematik ab. Inhalte wurden dann per Frontalunterricht und einmal funktionierendem Beamer abgehalten, Kopien ausgeh\u00e4ndigt. \u00c4hnlich sieht der Berg an Kopien meiner Tochter aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei allem Respekt f\u00fcr Ihre personelle Situation, aber gelebte Achtsamkeit setzt eine W\u00fcrdigung der vorhandenen Beziehungen \u2013 wie auch immer sie qualitativ sein m\u00f6gen \u2013 der Jugendlichen zu ihren Eltern voraus. Im Rahmen dieser Achtung sollte es meiner Meinung selbstverst\u00e4ndlich sein, dass Gespr\u00e4che zwischen der DBT-Station und mir als Sorgeberechtige auch ohne Luna stattfinden. Und ebenso, dass im Beisein von Luna keine bewertenden Aussagen mir gegen\u00fcber getroffen und meine Entscheidungen in Frage gestellt werden. Auch das habe ich leider anders erleben m\u00fcssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der gesamten station\u00e4ren Therapiezeit bin ich das Gef\u00fchl nicht losgeworden, dass hier nicht nur der Mensch, der Patient, der Jugendliche im Mittelpunkt steht. Formelle Abl\u00e4ufe, Personalpl\u00e4ne, Abarbeiten von Schemata, Belegungspl\u00e4ne und \u00fcberlastetes, knappes Personal, Kostenregelungen im Hintergrund etc. scheinen einen nicht geringen Raum einzunehmen. Schade, wenn das dann auf Kosten der Gesundheit der Jugendlichen geht. Achtsamkeit und Eigenverantwortung \u00fcben stellt sich in der praktischen Umsetzung in einem Zeitraum von drei Monaten in meinen Augen anders dar. Es bedarf vor allem Zeit, Ruhe und kontinuierlich verl\u00e4ssliche Beziehungen als Grundvoraussetzung der Heilung. Das konnte ich in den vergangenen 3 Monaten auf der DBT-Station leider kaum entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Entlassungsmanagement sah so aus, dass ich bis drei Tage vor dem geplanten Entlassungszeitraum f\u00fcr Luna keine verbindlichen Informationen zum konkreten Entlassungsungstermin oder zu irgendwelchen anderen Vorbereitungen genannt bekommen habe. So habe ich den Termin selbst festlegen m\u00fcssen, da ich beruflich planen musste. Die therapeutische Weiterbehandlung musste ich selbst in die Wege leiten, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich hier noch niemand darum gek\u00fcmmert. Mit Lunas Schule nahm ich ebenfalls selbst Kontakt auf und bereitete ihren Wiedereinstieg vor \u2013 aus den gleichen Gr\u00fcnden. Die Schule fragte mich, ob es eine Information seitens der Schule, die Luna in der stat. Therapiezeit besucht habe, gebe. Offenkundig ist das bislang nicht erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier entsteht in mir der Eindruck, dass das, was au\u00dferhalb der DBT-Station stattfindet, nicht wirklich relevant zu sein scheint. Ein unterst\u00fctzend begleitendes Management durch ein Hilfesystem, um wieder gut im Alltag anzukommen, stelle ich mir deutlich anders vor. Die Kommunikation mit allen beteiligten Instanzen ist f\u00fcr mich mehr als w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich nun noch einmal an dem Punkt w\u00e4re, wo mir das Therapiekonzept f\u00fcr meine Tochter vorgeschlagen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich das Konzept an sich weiterhin bef\u00fcrworten. Wenn ich allerdings damals die Informationen gehabt h\u00e4tte, die ich hier erl\u00e4utere, wonach die Therapie keine Heilung als prim\u00e4res Ziel h\u00e4tte, m\u00fcsste ich von dieser Form der Behandlung f\u00fcr Heranwachsende leider abraten und w\u00fcrde sie f\u00fcr meine Tochter keinesfalls in Anspruch nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>19.10.2019, Corina Roth<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Anmerkungen im Nachgang:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Zeit nach der DBT-Therapie zeigt Luna zu Hause massive Verhaltensauff\u00e4lligkeiten, die allerdings weniger mit der depressiven Episode zu tun hatten. Vielmehr wurde ganz deutlich, dass sie Probleme hatte, Grenzen meiner Erziehung anzuerkennen. Au\u00dferdem hatte sie gelernt, dass sie mit m\u00f6glichst \u201ekrankem\u201c Verhalten viel Aufmerksamkeit erh\u00e4lt. Gl\u00fccklicherweise lie\u00df sich das in intensiver Eigeninitiative meinerseits in Kooperation mit der niedergelassenen Therapeutin gezielt eind\u00e4mmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwierig gestaltete sich auch die Wiedereingliederung in der Schule. Trotz meiner fr\u00fchzeitigen schriftlichen Bitte, dass die Schule, die Luna innerhalb der Therapie besucht hat, eine Einsch\u00e4tzung geben m\u00f6ge, ist das nicht erfolgt. Auch seitens der DBT-Station wurde lediglich die verminderte Stundenzahl in Lunas erster Schulwoche an mich im vorl\u00e4ufigem Arztbrief kommuniziert. F\u00fcr alles Weitere wurde in diesem vorl\u00e4ufigen Brief, der lediglich an mich ging, an die niedergelassene Therapeutin verwiesen.\u00a0\u00a0<br \/>So kam es bei Lunas erster \u00dcberforderung zu sehr ung\u00fcnstigen Schulsituationen, weil die Schule keine Hinweise hatte, was im Bedarfsfall zu tun ist. Gemeinsam mit der niedergelassenen Therapeutin habe ich dann in einem Runden Tisch in der Schule einen Stufenplan entwickelt, der allen Beteiligten und vor allen Dingen meiner Tochter Handlungssicherheit gibt. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert gewesen, hier Hilfestellungen durch die DBT-Station zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als ich meine R\u00fcckmeldung schriftlich eingereicht habe, hat sich die DBT-Station bei mir gemeldet und angeboten, nach vier Wochen das Entlassungsgespr\u00e4ch nachzuholen. Das habe ich dankend abgelehnt, da zu diesem sp\u00e4ten Zeitpunkt bereits alles an Eingliederung und \u00dcbergang durchlebt war. Mein Eindruck ist auch hier, dass es seitens der Klinik nicht wirklich von Interesse ist, wie sich der \u00dcbergang in den Alltag gestaltet. Meines Wissens nach hat neben der Schule keinerlei Informationsaustausch mit der niedergelassenen Therapeutin stattgefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Geht es auch anderen so?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da ich im pr\u00e4ventiven und therapeutischen Kontext t\u00e4tig bin, haben mir viele Gespr\u00e4che in den vergangenen Monaten gezeigt, dass diese und \u00e4hnliche Problematiken leider kein Einzelfall sind. Neben Personen, die in diesen Bereichen t\u00e4tig sind, berichten auch Freunde und Bekannte \u00c4hnliches.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder finden auf Stationen angek\u00fcndigte Gespr\u00e4che nicht statt und die Eltern werden au\u00dfen vor gelassen. In den Elterngruppengespr\u00e4chen w\u00e4hrend der DBT-Therapie sind wir auch immer wieder vom eigentlichen Thema der Wochenstunde abgekommen, weil Eltern dies beklagt haben. Ein Vater berichtete mir, dass er und seine Frau das erste Elterngespr\u00e4ch nach 2 Monaten DBT-Station der Tochter hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei meiner Nachfrage bzgl. der Informationen zu den Selbstverletzungen nickten die anderen Eltern und \u00e4u\u00dferten, dass es ihnen genauso ergehe. Eine Mutter erg\u00e4nzte, dass sich ihre Tochter erst seit der Therapie auf der DBT-Station ritze und die Klinik sie dar\u00fcber nicht informiert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Jameda schneidet die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Frankfurt mit der Note 3,2 im Vergleich sogar noch gut ab. Die abgegeben negativen Erfahrungsangaben passen allerdings in die von mir gemachten Erfahrungen. Dies l\u00e4sst den Schluss zu, dass es in Kliniken, die noch schlechtere Bewertungen erhalten, auch nicht besser bestellt ist und diese Missst\u00e4nde wohl auf L\u00fccken im Versorgungssystem schlie\u00dfen lassen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Fazit:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend stelle ich nach der Behandlung meiner Tochter in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Frankfurt und den Gespr\u00e4chen mit Therapeut*innen und \u00c4rzt*innen sowie weiterf\u00fchrender Recherche fest, dass es hier deutliche Versorgungsl\u00fccken gibt, die den Jugendlichen, die sich in einer pers\u00f6nlichen Entwicklungskrise befinden, die Heilung deutlich erschweren oder die sogar kontraproduktiv sind:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>die Umsetzung des DBT-Konzeptes sollte dringend hinsichtlich der praktischen Umsetzung \u00fcberpr\u00fcft werden. In den von mir und anderen gemachten Erfahrungen ging die Krisen-Resilienz-Balance-Findung deutlich in eine ungesunde Richtung. Statt gesunder Ressourcensch\u00f6pfung wurde von meiner Tochter verst\u00e4rkt krankmachendes Verhalten erlernt. Fragen, was ihr Leid ausmacht und wer sich darum sorgt, wurden au\u00dfen vor gelassen.<br \/><br \/><\/li><li>Die direkte und ungefragte Konfrontation von Minderj\u00e4hrigen mit heftigen Diagnosen, die sich in einer pers\u00f6nlichen Entwicklungskrise befinden, halte ich f\u00fcr sehr problematisch bis krankheitsf\u00f6rdernd.<br \/>Am Beispiel meiner Tochter stand vor der station\u00e4ren Zeit eine krisenhafte Episode mit experimentellem Verhalten aufgrund unproduktiver Erlebnisse im fr\u00fchen Kindheitsalter im Raum, innerhalb von 5 Monaten kamen laut Arztbriefen 5 psychiatrische Erkrankungen hinzu. Grunds\u00e4tzlich halte ich die Diagnosevergabe bei Minderj\u00e4hrigen in der Pubert\u00e4t f\u00fcr sehr problematisch.\u00a0\u00a0Wenn die dann aufgrund von m\u00fcndlichen Aussagen einer 14-J\u00e4hrigen, die durchaus wei\u00df, was \u201eGoogle\u201c ist, ohne Abgleich der Erlebnisse des Umfeldes getroffen werden, umso mehr.<br \/>Vor allem, weil diese Diagnosen gerade in dieser Entwicklungszeit sehr stark das Selbstbild und den Selbstwert der Heranwachsenden pr\u00e4gen und f\u00e4lschlicherweise beeintr\u00e4chtigen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>Die bereits geschilderte Erstversorgung nach dem Unfall mit Knieverletzung meiner Tochter und das anschlie\u00dfende stundenlange alleine sein, stehen f\u00fcr mich nah am Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung. Ob es rechtens ist, dass ich am kommenden Tag mit meinem Privat-PKW auf dem Universit\u00e4tsgel\u00e4nde meine Tochter alleine zum MRT gebracht habe, w\u00e4re sicherlich auch einer Pr\u00fcfung wert.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>Die Umgehensweise mit Arzneimitteln halte ich f\u00fcr hoch kritisch. Zum einen hat mir ein Arzt best\u00e4tigt, dass f\u00fcr of-label-use-Medikation detaillierte Aufkl\u00e4rung notwendig ist. Zum anderen halte ich es im Sinne der Suchtpr\u00e4vention von Medikamentenabh\u00e4ngigkeit mindestens f\u00fcr notwendig, genaueste Informationen an die Sorgeberechtigten \u00fcber jegliches Medikament \u2013 auch Ibuprophen oder Salbe mit Antibiotikum \u2013 zu geben. Wenn ich im Arztbrief lesen darf, dass bei meiner Tochter eine Gew\u00f6hnung des Medikamentes eingesetzt hat und deshalb die Dosis erh\u00f6ht wurde, ist das aus Sicht der Suchtpr\u00e4vention ein fahrl\u00e4ssiges Verhalten.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>Eine grunds\u00e4tzliche rechtliche Problematik sehe ich in der Tatsache, dass Minderj\u00e4hrige in der station\u00e4ren Unterbringung der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Freizeit sich selbst \u00fcberlassen sind. Sie sind eingeschr\u00e4nkt gesch\u00e4ftsf\u00e4hig und das Sorgerecht sowie die Sorgepflicht liegt nicht bei ihnen. Auch wenn ich als Mutter einwilligen musste, dass die Uniklinik keine Verantwortung tr\u00e4gt, wenn meine Tochter das Gel\u00e4nde verl\u00e4sst, muss meines Erachtens nach im mindesten sichergestellt sein, dass ich wei\u00df, wann das stattfindet und gegebenenfalls intervenieren kann. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Jugendlichen sich in einem psychisch labilen Zustand befinden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li>Die Begleitung hinsichtlich des Entlassungsmanagements in den Alltag findet lediglich auf dem Papier statt. In der Praxis war ich die einzige Person, die f\u00fcr Informationstransport und \u00dcberg\u00e4nge gesorgt hat, damit meine Tochter zu Hause wieder gut ankommt.<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren,von Mai bis Oktober 2019 befand sich meine Tochter aufgrund einer entwicklungsbedingten Pers\u00f6nlichkeitskrise in Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Frankfurt am Main; vier Wochen lang auf der Akutstation und nach einer Pause dann &hellip; <a href=\"https:\/\/nina-roth.de\/?p=16759\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16759"}],"collection":[{"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16759"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16760,"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16759\/revisions\/16760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nina-roth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}